Notwendigkeit, Methode und Ziel des Kongresses

Die seit 50 Jahren anhaltende eindimensionale Sichtweise, die den Migrationsdiskurs auf einer sogenannten „Ausländer“-Problematik begründet und damit auch der allgemeinen Voreingenommenheit gegen Migration und Menschen nichtdeutscher Herkunft täglich neues „empirisches“ Anschauungsmaterial liefert, begründet damit die äußerst stabile Kontinuität der Voreingenommenheit, die es dahin gebracht hat, dass die „Thesen“ z.B. eines Sarrazins allen Ernstes als letztlich „ernst zu nehmender“ Vortrag in Sachen Migration, Bevölkerungspolitik und „die Migranten“ landesweit erörtert wird. Gegen diese 50 Jahre alte eindimensionale Sichtweise ist der Fachkongress erichtet, daraus erwächst seine Notwendigkeit.


Leitmotiv des Fachkongresses ist die Kritik einer öffentlichen und mehrheitlichen Sichtweise, die mit der Markierung der Migration und der Menschen nichtdeutscher Herkunft als eines grundsätzlichen gesellschaftlich-soziokulturellen „Problems“ den Diskurs über Migration resp. über „die Migranten“ zielstrebig auf ein Nebengleis führt, das konsequent vom Problem, das die Gesellschaft darstellt –und zwar für Nichtdeutsche wie für Einheimische – absieht, weil sie gewillt ist, die heimische Gesellschaft und die in ihr geltenden Prinzipien als prinzipiell nicht weiter diskussionswürdig zu betrachten.

Diese Sichtweise einmal unterstellt, gerät etwa in der Betrachtung der Ausländerkriminalität nicht die Kriminalität an sich in den Blickpunkt des Interesses, zu der die Einheimischen mindestens ebenso und sogar massenhaft greifen, sondern das Faktum, dass auch Menschen nichtdeutscher Herkunft meinen gute Gründe zu haben, gegen das Gesetz zu verstoßen. So geht es dem Betrachter nicht darum, die Kriminalität abzuschaffen, sondern dem von Anfang an bestehenden „Beweisziel“, Ausländer „ist“ ein Problem wird „empirisches“ Beweismaterial geliefert. Diese Betrachtungsweise und -Methode ist Gegenstand und Kritik des Fachkongresses.


Der Zielsetzung gemäß wird der Fachkongress auch methodisch neue Wege gehen und eröffnen. Zum einen wird es kein Fachkongress über Migration und insbesondere kein Fachkongress über Menschen nichtdeutscher Herkunft, sondern ein Fachkongress mit „Migranten“, unter aktiver Beteiligung von Menschen nichtdeutscher Herkunft an der Konzeptionierung, an der Durchführung sowie am Diskussionsprozess des Kongresses. Der Fachkongress stellt die Aktivität einer „Migrantenselbstorganisation“ dar, die Referenten besitzen, die (weitgehend?) auch Migrationshintergrund haben. Zum anderen wird der Fachkongress wesentlich auf dem partitizipativ - dialogischen Diskurs beruhen und durch ihn gestaltet werden:


Anstelle von Referaten und Vorträgen durch die besonders qualifizierten Fachreferenten, tritt ein knapper Überblick, die stringente Zusammenfassung wissenschaftlicher oder gedanklicher Ergebnisse als Dialog- und Diskussionsimpuls unter expliziter Einbeziehung des
Publikums.

Ziel des Fachkongresses ist, die 50 Jahre geltende eindimensionale Sichtweise, die Migration und die als „Migranten“ bezeichneten Menschen nichtdeutscher Herkunft als wie immer geartetes „Problem“ zu betrachten, denn zu dieser Annahme gibt es keinerlei Gründe.
Vielmehr geht es darum, das öffentliche und private Bewusstsein dahingehend zu schärfen, dass nicht die Migration, sondern die Gesellschaft und die in ihr geltenden Prinzipien ein Problem darstellen – für Einheimische wie für Nichteinheimische.